Die vier Brüder

Norro, Sambi, Wutu und Ollo waren Brüder. Sie lebten vor vielen hundert Jahren in einem Schloß am Rande der Welt. Es waren aber keine faulen Schloßherren, die den ganzen lieben langen Tag nichts taten, sondern arbeitsame Gesellen, die vom Wettergott angestellt waren, Wind zu machen, wo es notwendig war.

Da sahen sich die vier Brüder manchmal eine ganzen Monat nicht, denn einer von ihnen hatte immer was zu tun. Meist aber waren sie alle zur gleichen Zeit unterwegs, der eine hier, der andere dort, wo eben gerade Wind gebraucht wurde. Damals war es nun so, daß alle Windmühlen fest standen und nach einer Richtung sahen, entweder nach Süden, Norden, Osten oder Westen.
Da geschah es eines Tages, daß ein Müller, der eine große Windmühle besaß, die mit ihren Flügeln nach Westen zeigte, sehr ärgerlich wurde, weil seit Tagen kein Westwind wehte und er dadurch kein Mehl mahlen konnte. Wutu der Westwind, hatte gerade recht viel anderes zu tun, so daß nur Ollo, der Ostwind sich täglich um die Mühle tummelte. Aber das nützte dem Müller gar nichts, und seine Mühle stand still.
Nun war es aber vom Wettergott so eingerichtet, daß alle Mühlen einmal drankamen. Ein paar Tage lang die, die nach Osten sahen, dann wieder die, die nach Westen zeigten, andere Tage wieder die, die nach Süden oder Norden sahen. Das wollte dem Müller aber nicht in den Kopf, da er am liebsten jeden Tag in der Woche mahlen wollte. Lange hat er überlegt, und eines Tages beschloß er, den vier Brüdern einen ordendlichen Possen zu spielen. Er riß seine Mühle ab, gab ihr einen Stiel und baute sie wieder auf. Nun konnte er sie nach jeder Himmelsrichtung drehen, wo der Wind gerade herkam, und er war nicht mehr auf einen bestimmten der vier Brüder angewiesen.
Als nun seine Mühle fertig auf ihrem Stiel stand, kam wieder Ollo angebraust. Wie staunte er aber, als der Müller plötzlich seine Mühle drehte, so daß sie ihn ansah und er gezwungen war, ihre Flügel zu drehen. Das war eine Arbeit die er nicht erwartet hatte. Den ganzen Tag mußte er blasen bis er ganz außer Atem war. Als er abends heimkehrte, fand er seinen Bruder Sambi, den Südwind, vor. "Sambi", sprach er, "Ich weiß eine Mühle, die nach Osten zeigt. Der Müller hat mich geärgert, denn früher zeigte die Mühle nach Westen, und jetzt hat er sie umgedreht. Fahr du morgen einmal hin, dann kann der Müller nicht mahlen". "Das will ich schon für dich tun", sprach Sambi, und am nächsten Morgenflog er aus, um den Müller zu suchen. Er fegte über die Ebene heran und wollte die Mühle, als er sie endlich entdeckt hatte, von hinten anfallen. Da drehte sie der Müller schnell herum, und als Sambi herankam, blieb ihm nichts anderes übrig, als emsig den ganzen Tag die Flügel zu drehen. Am Abend fuhr auch er wieder ins Schloß zurück, wo schon sein Bruder Ollo auf ihn wartete. Sambi erzählte, was er erlebt hatte, aber Ollo wollte es einfach nicht glauben, denn so etwas hatte es doch noch nie gegeben. Da tat sich plötzlich das Tor auf und herein brauste Norro, der Nordwind. Ollo und Sambi erzählten ihm sofort von der verhexten, einbeinigen Mühle, und da versprach Norro, nachdem ihm die Brüder den Weg beschrieben hatten, am nächsten Tag hinzufahren und sich die Sache einmal anzusehen. Aber es ging ihm nicht anders als seinen Brüdern. Der Müller drehte seine Mühle herum, und er mußte den ganzen Tag Wind in die Flügel blasen, bis er völlig erschöpft war. Da wußte er, was der Müller getan hatte. Er sah sich die Mühle nochmals an, wie sie so komisch auf ihrem eine Bein stand, dann fuhr auch er zu seinem Schloß zurück.
Nun verging kein Tag mehr , an dem nicht einer der Brüder dem Müller dienen mußten. Aber sie konnten es nicht ändern, sondern mußten sich fügen, bis der Wettergott entschied, was zu geschehen hätte. Es waren noch nicht ganz 3 Monde vergangen, als eines Nachts alle vier Brüder in ihrem Schloß beisammen saßen. Da sprang die große Pforte auf, und plötzlich stand der Wettergott vor ihnen. "Gruß auch, meine lieben Gesellen", rief er, "morgen ist ein großer Tag für euch". Elf Jahre habt ihr mir treu und unverdrossen gedient, und morgen sollt ihr alle vier von Mitternacht bis wieder Mitternacht frei sein, um zu tun, was ihr wollt". Mit diesen Worten war er wie vom Erdboden verschluckt, verschwunden. Die vier Brüder sahen sich an und flüsterten eine Weile miteinander. In diesem Augenblick schlug es Mitternacht.
"Hurra ! Frei sind wir heute und können tun was wir wollen", rief Norro, "und wißt ihr auch was wir tun werden?" "Auf zum Müller mit der einbeinigen Mühle!", riefen die drei Brüder wie aus einem Munde, und schon fuhren alle vier, jeder in einer anderen Himmelsrichtung davon. An der Mühle trafen sie sich. Es war Tag geworden, der Müller stand schon draußen und wartete, was für ein Wind wohl aufkommen würde. Da nahm Norro seine Lungen voll und blies plötzlich mit aller Kraft. Der Müller drehte schnell seine Mühle auf ihn zu, aber in dem Augenblick hörte Norro auf zu blasen und Wutu fing an. "Nanu", brummte der Müller und drehte weiter nach Westen. Kaum hatte er jedoch gedreht, als Wutu wieder aufhörte und dafür Sambi einsetzte. Der Müller kratzte seinen Kopf, spuckte in die Hände und drehte nach Süden. Aber es nützte nichts. In demselben Augenblick fing Ollo an zu blasen. Der Müller drehte weiter, aber die vier Brüder dachten gar nicht daran, ihm Wind zum Mahlen zu geben. Soviel er auch drehte, stets kam der Wind aus einer anderen Richtung. So trieben sie es stundenlang, bis der Müller vollkommen zusammenbrach und nicht mehr weiter konnte. Da ließ er die Mühle Mühle sein, ging hinein und warf sich auf sein Bett, um sich auszuruhen. Darauf hatten die vier Brüder nur gewartet. Zuerst fing Norro leise an zu blasen, dann kam Ollo, dann Sambi und zuletzt Wutu an die Reihe. Die Mühle fing an sich zu drehen. Sie drehte und drehte sich immer schneller und schneller in einem tollen Wirbel. Der Müller wurde aus seinem Bett geschleudert und flog an die Wand. Ihm folgte das Bett, und so nach und nach aller Hausrat. Alles wirbelte durcheinander, so daß kam ein Stück mehr heil und ganz blieb. Als des Müllers Not am größten war, sandte er ein Stoßgebet gen Himmel. "Lieber Wettergott", jammerte er, "laß doch die Winde aufhören mit Blasen". Ich will meine Mühle wieder feststellen wie früher, wenn du es willst, und wie alle anderen Müller warten, daß du mir Wind zuteilst. Laß bloß die schrecklichen Winde aufhören !". Da brauste auf feurigem Rosse der Wettergott heran. Die vier Brüder waren jedoch so vertieft in ihrem Schabernack, daß sie ihn gar nicht hatten kommen hören. Plötzlich fühlten sich Ollo und Sambi von Riesenfäusten angepackt, und eine Donnerstimme rief nur ein einziges Wort: "Ruhe!" Da erkannte sie ihren Herrn. Ganz erschrocken und mit schlechtem Gewissen standen sie vor ihm. Der Wettergott zeigte auf die Mühle und sprach strafend: "Schämt ihr euch nicht, arbeitsame Menschen so zu behandeln ? Ich habe die ganze Zeit schon beobachtet, wie ihr euch über den Müller geärgert habt und darüber, daß ihr nun mehr arbeiten müßt. Eures Amtes ist, dem Menschen Wind zu geben. Wenn unser Müller hier so klug war, seine Mühle so zu bauen, daß er sie drehen kann, dann müßt ihr eben mehr arbeiten. Das wäre noch schöner, wenn ihr, bloß weil es euch nicht gefällt, eine so feine Erfindung zerstören würdet !" Weil es nun still und ruhig um die Mühle geworden war, kam der Müller zerschunden und am ganzen Körper braun und blau geschlagen wieder heraus. Draußen sah er den Wettergott mit den vier Brüdern stehen. Da fiel er auf die Knie. Der Wettergott ist aber auf ihn zugegangen und hat freundlich mit ihm gesprochen und ihn gelobt wegen seines klugen Einfalls, so daß der Müller ganz stolz wurde und sich über seinen zerbrochenen Hausrat tröstete. Als er dann wieder alleine war, hat er gleich angefangen, alles wieder instand zu setzen, und später sind oft Müller zu ihm gekommen, die seine Mühle ansahen, um ihre eigene auch so zu bauen. Schließlich ist er geehrt und als reicher Mann gestorben.

Aus "De Stover Windmoehl"
mit freundlicher Genehmigung von Martina Weiß