Hunderttausend Zentner Mehl

In vergangener Zeit besaß auch die Stadt Hamburg viele Windmühlen und Wassermühlen. Auf einer von ihnen, einer etwas abgelegenen Mühle, standen oft die Flügel still, und der Müller Hansen wartete vergebens auf Kundschaft.
Das blieb dem Teufel nicht verborgen. Er schmeichelte sich bei passender Gelegenheit bei dem Müller ein. "Ich habe eine Idee und könnte dir zu Wohlstand verhelfen. Was hieltest du davon, wenn ich alle Mahlgäste mit zehn Pfund mehr per Zentner nach Hause gehen ließe und dir noch die gleiche Menge zukommen lassen würde? Das spräche sich herum und alle kämen zu dir. Du wärst ein gemachter Mann. Überlege es dir."
Der Müller kratzte sich lange an seinem Ohr. Das Angebot war doch zu verlockend.
Der Teufel wollte eigentlich nur die Seele des Müllers und mußte ihm die Sache sehr schmackhaft machen. Darum bohrte er weiter: "Also Müller, ich übernehme deine Sorgen, und du übereignest mir deine Seele, wenn alles in allem hunderttausend Zentner Korn vermahlen sind. Und das hat bestimmt noch einige Jahre Zeit."
Der Müller auf seiner unrentablen Mühle war`s zufrieden. Die Großzügigkeit des Müllers sprach sich bald herum.
Viele Bauern und Bäcker scheuten den weitesten Weg nicht, um hier die Zugabe von zehn Pfund Mehl in Anspruch zu nehmen. Nicht Jahre vergingen, nein, nur Monate hat es gedauert, bis der Müller einer der reichsten Leute wurde. Aber auch die hunderttausend Zentner waren schnell vermahlen.
Der Teufel freute sich schon und schaute mehrmals täglich zur Mühle, wann denn sein Stündlein geschlagen hätte.
Jetzt allerdings wurde dem Müller die Geschichte zu brenzlich; in der Hölle wollte er eigentlich nicht landen. Darum besprach er diesen Satanspakt mit dem Pastor und fragte ihn, ob er nicht an der ganzen Geschichte noch drehen konnte.
"Mein Sohn", sprach der Pastor zum Müller, "eigentlich hast du dich mit einer großen Sünde beladen. Aber wenn du dich zusammen mit deiner Mühle in die Hände der Kirche zurückbegibst, wird sich die Sache zum Guten wenden."
Der Müller tat`s, wie ihm geraten: Er überschrieb die Mühle für einen Reichstaler der Kirche, und er selbst rettete seine Seele vor dem Satan, weil die hunderttausend Zentner vom Müller nie zu Ende gemahlen wurden, sondern von der Kirche. Mit dieser wollte sich der Teufel denn doch nicht einlassen und zog unverrichteter Dinge zur nächsten Mühle.

Aus Norddeutsche Mühlensagen von Reiner Rump Verlag: Otto Heinevetter